Bürgermeister als „Marktplatzschreier“?

Straßenfasnacht: Beim Umzug befürchten die Grünen im Bruch ein Toilettenhaus mit goldenen Schlüsseln / Jürgen Kappenstein wird steckbrieflich gesucht

Von unserer Mitarbeiterin Anke Koob

Ketsch. Und immer wieder „Atemlos“ von Helene Fischer – gleichsam die Hymne der Frohnaturen am gestrigen Sonntag, als sich der Fasnachtsumzug durch die Straßen schlängelte. Tausende waren es erneut, die zu ihrem Song den Ortskern von Ketsch in ein brodelndes Meer singender Narren verwandelten.

Die Lautsprecher der Motivwagen dröhnten und ließen das Liebeslied frei, um glückliche Gesichter zu ernten. Selbst Zugmoderator und Elferratsmitglied der „Narrhalla“, Bernd Bürkle, verschenkte pausenlos Amore und schalmeite in sein Mikrofon „Ich liebe Euch!“

Sonne lässt sich nicht blicken

Ein wenig zwischenmenschliche Wärme konnte der mittlerweile 63. Fasnachtsumzug in der Enderlegemeinde auch gebrauchen, war doch die Sonne hinter dicken Wolkenbergen hängen geblieben und so manches Funkenmariechen und so manche Gardetänzerin hüpfte noch ein wenig enthusiastischer als sonst. „Dann wird es uns warm“, kicherten auch die Mädels von der Tanzsportgarde Plankstadt und auch Regina II., die prächtige Prinzessin von Comenien, winkte ihrem Mitregenten Günter I. leidenschaftlich zu, warf Kamellen und war so sichtlich glücklich, dass sie die Herzen der Menschen am Straßenrand erwärmte. Den Auftakt des Umzuges aber bildeten natürlich die Ehrensenatoren der „Narrhalla“ mit ihrer rollenden Biertheke.

Wo ist der Rathauschef?

Begeistert empfangen von Gemeinderatsmitgliedern und auch Bürgermeistern der Nachbargemeinden, passierten sie das Rathaus. Einzig Bürgermeister Jürgen Kappenstein schien in diesem Jahr die närrische Regentschaft ernst genommen zu haben und hatte seinen Amtsmantel gegen einen Umhang getauscht, der unsichtbar macht. Oder nicht? „Nein, nein“, betonte Bernd Bürkle“, „der läuft dieses Jahr selbst mit.“ Ob es stimmte? Die Menschen reckten und streckten sich, um den närrischen Schultes zu entdecken. Doch wo sollte er sein? Man munkelte, er wäre zu „ABI’92“ übergelaufen und feiere dort ein rauschendes Fest als Heino in Hockenheim.

Damit aber verpasste er das närrische Statement der Ketscher Grünen, die sich auf die Straße begeben hatten, um ein ganz und gar menschliches Thema aufzugreifen: „Bald gibt es in Ketsch am Rhein ein Klohäuschen mit goldenen Schlüsseln.“ Die Lacher waren auf ihrer Seite. Die „Alten Gaussianer auf Abwegen“ (AGAA) suchten Bürgermeister Jürgen Kappenstein sogar per Steckbrief, weil er sich als „Der Marktplatzschreier“ schuldig gemacht habe.

Bernd Bürkle begrüßte ebenfalls begeistert die Spvgg 06 mit einem „Ketsch Ahoi“, „06er Ahoi“ und „Alla Hopp Ahoi“, ließ die Reilinger „Belzkiddl“ hoch leben und betonte noch nebenbei, dass man in Ketsch am Rhoi eben einfach alle willkommen heiße. Ein kleiner Seitenhieb auf die Rennstadt in der Nachbarschaft, die in diesem Jahr das pelzbekleidete und rußgeschwärzte Narrenvolk ausgeladen hatte? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

„Belzkiddl“ in Ketsch willkommen

Mit viel Rauch und Remmidemmi bahnten sich die Wagen der „Belzkiddl“ ihren Weg und ergänzten so ganz und gar närrisch die BKA02, die sich als Alice im Wunderland auf den Weg machte, sich gegen „Waffen, Kriege und Terror in unserer Welt“ zu wenden. Wie gekonnt: Alleine die gute Laune der Ketscher Gruppe konnte die Tausenden von Narren entlang der Wege einfach nur in einen rasenden Taumel der Glückseligkeit stürzen. Sie feierten, sangen und schunkelten – ein jeder auf seine Weise.

Und auch wenn die vielen Jugendlichen, die sich erneut an ihrem beliebten Treffpunkt zu einer riesigen Menschentraube formiert hatten, viel Müll und Geschrei mit sich brachten, so hatten sie doch – gerade so wie die Alten – viel Spaß an den närrischen Stunden, die dafür gedacht sind, die mageren Zeiten einzuläuten. So gab es noch ein letztes „Ahoi“ von der Kurpfälzer Karnevals Gesellschaft, prächtige Guggemusik mit den Ketscher „Hewwgugglern“, Probefläschchen mit Haarwaschmittel von den Heidelberger Schlossnarren und ein dickes „Hallo“ und „Auf Wiedersehen“ mit der KG „Narrhalla“, die an diesem Sonntag ihre Prinzessin Janine I. aus dem Hause Gbur den Zug beenden ließ.

© Schwetzinger Zeitung, Montag, 16.02.2015

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